Jung gefreit...

Wir waren so herrlich jung und unbeschwert. als wir uns 1963 kennenlernten. Ich war süße 17, als ich meinen ersten Mann kennenlernte. Bis dahin gab es zwar hier und da einen Freund, aber außer ein bisschen Knutscherei vor der Haustür oder auf der Parkbank  war da nichts. Meine Aufklärung war gleich null. Mein Wissen in Sachen Sexualität beschränkte sich auf den Biologieunterricht in der Schule, und dass, was ich so von Mitschülern und anderen Jugendlichen mitbekam.  Zu Hause gab es das Thema nicht,  ich habe meine Großeltern nie nackt gesehen.  Auch meine Mutter hielt sich da sehre bedeckt.  Ich erinnere mich an zwei Situationen, die für mein kommendes Leben in Richtung Partnerschaft Prägend sein sollten.

Ich war etwa 11 Jahre alt, wir wohnten noch in Wilmersdorf. Die Sanierung unserer Wohnung hatte begonnen. Im Bad wurden die sanitären Anlagen erneuert. Vorübergehend war die Toilette  nicht nutzbar. Mein Opa verschwand in der Küche und schloss die Tür hinter sich zu. Was machen Kinder, wenn Türen verschlossen werden? Die Neugierde lebe hoch. Ich linste durch das Schlüsselloch und sah, wie mein Opa sich an dem Ausguss in der Küche erleichterte.  

Ich denke einmal 60 Jahre zurück, nein eigentlich noch länger, denn meine Erziehung hatte einen großen Einfluss auf meine erste Hochzeit am 14. Oktober 1966. Ich war 17 Jahre alt, als ich meinen ersten Mann kennen lernte. Er war der Onkel meiner damaligen Freundin. Wir sahen uns oft, da ich viel bei meiner Freundin zu Hause war, und die Familie sehr eng beieinander lebte. Wir besuchten auch gemeinsam die Tanzschule. Ostermontag 1964 passierte es dann. Klaus seine Eltern waren mit den Enkelkindern unterwegs, wir hatten sturmfreie Bude. Es war für uns beide das berühmte, erste Mal. Im Fernsehen, das meine Schwiegereltern in Spe, im Gegensatz zu meinem Zuhause, zu dieser Zeit schon hatten, lief "Peterchens Mondfahrt" und in der Küche brannten die Kartoffel an. Damit war klar, das wir auch heiraten werden. Da kommt die damalige Erziehung ins Spiel. "Wenn der mit Dir ins Bett geht, hat er Dich auch zu heiraten!"  Ein Jahr später haben wir uns verlobt. Solche Ereignisse wurden in der Familie stets mit einer großen Feier begangen.       

Die Verlobungsfeier wurde in der Wohnung von der ältesten Schwester meines zukünftigen Mannes gefeiert. Die Familie hatte die größte Wohnung, und es gab dort auch die Möglichkeit, Kinder am Abend schlafen zu legen, während die Erwachsenen noch weiter feierten. Um den nötigen Platz zu schaffen, wurden die Wohnzimmermöbel auf die anderen Zimmer verteilt. Tapeziertische wurden zu einer Festtafel umfunktioniert. So oder ähnlich, gestaltete sich dort jede größere Familienfeier. Das Ganze erstreckte sich über drei Tage. Erster Tag: Vorbereitungen, zweiter Tag: Feier und dritter Tag aufräumen. Bei der großen Familie kamen viele Menschen zusammen. Meine Großeltern kamen zur Verlobungsfeier nur kurz zum Kaffee und dem offiziellen Part. Meine Familie und die Familie meines Mannes mochten sich nicht. Meinen Leuten waren die anderen viel zu laut und den anderen war meine Familie zu spießig. Krasse Gegensätze eben. Ich selbst fand das noch alles aufregend, denn es war ja auch mein Tag. Es war auch ein schöner Augenblick, als mir mein Verlobter mir den schmalen, goldenen Ring an den linken Ringfinger steckte.  Ich sollte aber bald eines Besseren belehrt werden.  

Nachdem wir nun offiziell verlobt waren, stellte sich die Frage nach dem Hochzeitstermin. Ich hatte ja in der Familie schon 1965 eine Hochzeit miterlebt, und konnte mir nun vorstellen, was mich erwartete. Allerdings mussten wir erst noch einige Hürden überspringen. Wir legten für uns beide den 14. Oktober 1966 als möglichen Termin fest. Da war mein Verlobter dann gerade mit 21 Jahren volljährig. Ich brauchte mit 20 Jahren noch die Einwilligung der Erziehungsberechtigten. Das kostete auch erst einmal einige Überredungskunst. Meine Mutter war mit meiner Wahl ohnehin nicht einverstanden, aber letzlich haben sie und mein Großvater, als gesetzlicher Vertreter, unterschrieben. 

Die andere Hürde waren Klaus seine Eltern. Hundert Gründe wurden angeführt, warum es nicht besser wäre, doch noch zu warten. Letztlich hatte ich den Eindruck, dass speziell die Mutter ihren Sohn nicht hergeben wollte. War er doch nicht nur der einzige Sohn, sondern auch das letzte Kind, das nun das Elternhaus verlassen würde. Auch die ganze restliche Familie war nun plötzlich gegen unsere Verbindung. Jetzt wo es ernst wurde, wendete sich das Blatt. Als dann auch noch mein Verlobter nach dem Gespräch mit seinen Eltern meinte, doch noch bis zum Sommer des kommenden Jahres zu warten, setzte bei mir so etwas wie Trotz ein. Die ständige Bevormundung meiner Schwiegermutter nervte mich schon in dieser Zeit. Ich machte ihm klar, dass wir jetzt die Hochzeit so stattfinden lassen, wie wir uns das vorgenommen haben, oder er könnte heiraten wann er wolle, nur nicht mich. Da Klaus seinen Eltern gegenüber nur ein sehr mäßiges Durchsetzungsvermögen hatte, überlegten wir nun, wie das ohne größere Auseinandersetzungen durchzubringen war. So einigten wir uns, den Eltern zu sagen, wir "müssten" heiraten. Das war ein Argument, dem sie nichts mehr entgegenzusetzen hatten. Ein Kind wollten wir ohnehin, und ob nun früher oder später war auch egal. Wir ließen es nun darauf ankommen, und so war ich am Tag der Hochzeit im dritten Monat schwanger.

Die Eltern akzeptierten das nun und so wurde am 14. Oktober 1966 Hochzeit gefeiert.    

14. Oktober 1666

Der Polterabend fand traditionell bei meinen Großeltern, also in meinem Zuhause, statt. Die alten Leute waren froh, als das alles vorbei war, aber sie taten es mir zu Liebe. Den Gästen teilten wir schon in der Einladung mit, dass der Polterabend spätestens um 23 Uhr beendet wird. Erstens aus Rücksicht auf meine Großeltern und zweitens hatten wir einen anstrengenden Tag vor uns. Am anderen Morgen gingen wir zum Standesamt in der Neuköllner Donaustraße, um dort den amtlichen Akt zu vollziehen. Nach einem Mittagsimbiss hieß es nun umkleiden. Am Nachmittag bekamen wir den kirchlichen Segen in der Magdalenenkirche zu Berlin-Neukölln. Die Fahrzeuge bekamen wir als Hochzeitsgeschenke von Klaus seinem Chef, dem Fuhrunternehmen Gustav Schöne. Zum Standenamt gab es einem schwarzen Mercedes und zur Kirche eine weiße Hochzeitskutsche mit vier Pferden. Das war alles sehr schön und sehr festlich. Nur fühlte ich mich weder in dem Kleid wohl noch gefiel mir die Brautkrone. Aber da hatte auch meine Schwiegermutter ihre Hand im Spiel, mein Wille war da nicht wirklich gefragt. Meine Mutter kümmerte sich um gar nicht, sie war auch nicht bei der Hochzeit. Meine Großeltern waren schon zu alt, da war ich glücklich,, dass sie zur Kirche kamen und zum Kaffee blieben. 

Gefeiert wurde in einem Kindl-Lokal im Britzer Damm/Ecke Jahnstraße. Ich war letztlich froh, als ich am Morgen in meinem Bett lag. Wir schliefen bei den Schwiegereltern im Wohnzimmer und mussten erst einmal ein paar dumme Sprüche über uns ergehen lassen. 

Das diese Ehe ein Fehler war, sollte sich schon bald herausstellen, davon an anderer Stelle mehr. Aber warum bin ich diese Ehe eigentlich eingegangen? Ein Grund war sicher, ich wollte aus meinem beengten Zuhause raus. Die weiße Hochzeit lockte, einen Tag im Mittelpunkt zu stehen war ein schönes Gefühl und dazu kam der Trotz. Liebe? Was weiß man mit 20 Jahren davon?  

Auch wenn diese Ehe keinen Bestand hatte, die weiße Hochzeit, jedemfalls was den offiziellen Teil betrifft, bleibt in schöner Erinnerung. 

Noch einmal mit 38 Jahren

Horst *04. November 1949

Horst ist das zweite Kind und der älteste Sohn von Hannelore und Günter. Geboren wurde er im häuslichen Umfeld in der Neuköllner Kannerstraße. Er wuchs im Familienverband auf,  besuchte zunächst die Grundschule in der Richardstraße, bevor er nach dem Wohnungswechsel in Bruno-Taut-Schule ging. Nach der sechsten Klasse besuchte er die 7. Oberschule Praktischen Zweiges im Britzer Damm. Nach der achten Klasse  wechselte er auf eine weiterführenden Schule, um dort auch die 10. Klasse zu absolvieren, und damit die Mittlere Reife zu erreichen. Damals gab es ja nur 9 Pflichtjahre.   

Ich lernte Horst kennen, da war er 14 Jahre alt. Ich war 17 und mit seinem Onkel Klaus-Dieter befreundet, der zu dieser Zeit 18 Jahre alt war. Da diese große Familie sehr eng beieinander war, blieb es nicht aus, dass ich auch als Außenstehende sehr schnell alle Familienmitglieder kennenlernte.  Bald stellte ich aber fest, dass Horst anders war, als die anderen. Wenn er auch in der Familie fest integriert war, stand er immer ein wenig abseits. Er war und ist ein Einzelgänger, hatte auch in der Schule keine nennenswerten Freundschaften. Wir hatten schon damals einen besonderen Draht zueinander. Er war aber nicht mehr, als der jüngere Bruder meiner Freundin  und der Neffe meines Freundes.

Nach abgeschlossener Schulzeit begann Horst eine Ausbildung als Werkzeugmacher bei Standard-Elektrik-Lorenz in Berlin Tempelhof.  Bald stellten die Ausbilder fest, dass das Handwerk nicht sein Ding war. Nach Rücksprache mit den Eltern wechselte er die Ausbildung in das kaufmännische Fach. Er wurde Industriekaufmann, und das recht erfolgreich. Die Ausbildungszeit dauerte 3 1/2 Jahre, da Horst in dieser Zeit ein halbes Jahr wegen schwerer Erkrankung ausfiel.

Er war fast 40 Jahre bei der Firma SEL, war später Mitglied des Betriebsrates und hatte guten Kontakt mit den Kollegen und Kolleginnen. Es blieb aber immer auf betrieblicher Ebene, die seltenen privaten Zusammenkünfte beschränkten sich auf wenige Ausnahmen.  Das Arbeitsverhältnis endete sehr sozialverträglich wegen Umstrukturierungen im Jahr 2002.

Der kleine Horst auf dem Schoß der Mama, daneben der Papa mit der älteren Schwester 

Schulkind Horst

Horst (Mitte) zu seinen 25. Dienstjubiläum am 01.04.1993 bei der

SEL-Alcatel im Kreis von Vorgesetzten und Kollegen 

Sonst war Horst viel bei uns. Da wir uns gut verstanden, kamen wir uns irgendwann näher. Es begann eine recht komplizierte Zeit, denn ich war ja verheiratet und hatte zwei Kinder. Davon an anderer Stelle mehr. Horst war auch bei meiner Tochter Sonja Patenonkel. 

1975 zog Horst von Zuhause aus und bezog eine eigene Wohnung in der Neuköllner Delbrückstraße. Über ihm wohnten Onkel und Tante, die ihn zunächst auch versorgten, die Tante kochte für ihn mit und kümmerte sich um die Wäsche. Als sein Vater starb, stand er seiner Mutter helfend zur Seite. Sonst ging er seiner Arbeit nach, ging Freitags mit Onkelchen in der nahegelegenen Stammkneipe ein Bierchen trinken und ließ sich auch mal von der Familie zu der einen oder anderen Unternehmung mitziehen. Er hatte in der Zwischenzeit seinen Führerschein uns ein kleines Auto, einen roten VW-Käfer, sein ganzer Stolz.   

Nachdem ich mich von Klaus getrennt hatte, zog ich mit meiner Tochter im November 1981 zu Horst. Nun hatte er Familie und vieles änderte sich. Wir hatten schon länger eine Beziehung, das war in der Familie ein offenes Geheimnis, aber nun standen alle Kopf. Wir lebten zunächst drei Jahre zusammen, ich musste ja auch erst meine Scheidung hinter mich bringen. Als dann von Hochzeit die Rede war, brachen einige Familienmitglieder sogar den Kontakt zu uns ab. Es dauerte lange, bis Horst seine Mutter akzeptierte, dass sie nun nicht mehr meine Schwägerin, sondern meine Schwiegermutter werden sollte. Letztlich lenkte sie ein, da sie einsehen musste, dass sie sonst ihren Sohn verlieren würde. Meine ersten Schwiegereltern, die ja auch Horst seine Großeltern waren, lebten zu dieser Zeit schon nicht mehr.

25. Januar 1985

Gegen allen Widerstand in der Familie heirateten war am 25. Januar 1985 im Standesamt Neukölln in der Donaustraße. Trauzeugen waren Horst sein Onkel Horst und meine Cousine Christa. Vorher hatten wir überlegt, wie wir diesen Tag begehen wollten. Eine große Feier machte im Hinblick auf die zerstrittene Familie keinen Sinn. Wir waren zu dieser Zeit im Berliner Karneval aktiv, und so beschlossen wir, im Kreis unserer Karnevalsfreunde zu heiraten. Nach der amtlichen Zeremonie erwartete uns ein großes Spalier von Abordnungen Berliner Karnevalsvereine, allen voran, unser Verein, die "KG NARRENKAPPE e.V.". Der Präsident, Hartmut Heinemann, hat uns auch chauffiert. 

Anschließend gab es einen großen Empfang im Restaurant "Turm", das dem Präsidenten, Hasso Kiedrowski,  der Neuköllner Karnevalsgesellschaft "Fidele Rixdorfer e.V." gehörte. Wir hatten niemanden eingeladen. Der Empfang wurde in der Hochzeitsanzeige mitgeteilt. Wer kam der kam, und wer nicht, blieb eben weg. Ein paar Familienangehörige kamen dann doch, wohl mehr aus Neugier. Es war ein schöner, fröhlicher Nachmittag in dem bunten Kreis der Karnevalsfreunde. Am Abend gingen wir im kleinen Kreis, das heißt, unsere Kinder und die Trauzeugen, im Restaurant eines befreundeten Jugoslawen zum Essen.  Damit war dieser Tag beendet.  Auf eine kirchliche Trauung verzichteten wir zu diesem Zeitpunkt.

Diese wurde aber nachgeholt. Uns fehlte etwas. Als wir die ersten 10 Jahre Ehe gut hinter uns gebracht hatten, ließen wir uns zu unserer Rosenhochzeit kirchlich trauen.  Superintendent Wolfgang Gerbeit erteilte uns Gottes Segen "Bis das der Tod Euch scheidet!"

Ein besonderes Erlebnis war das Geschenk unserer Kinder. Wir durften mit einem Rolls Roys Marke Silver Shadow, zur Kirche fahren. 

25. Januar 1995 -  Magdalenenkirche Berlin Neukölln

Auch zu diesem Anlass gab es keine große Feier. Im Kreis unserer Kinder, den Eltern, Horst Geschwistern und einigen engen Freunden gab es bei uns zu Hause einen Umtrunk, sowie Kaffee und Kuchen. Am Abend gingen wir in ein nahe gelegenes Restaurant zu Essen. 

 

Horst ist die Liebe meines Lebens. Unsere Silberhochzeit feierten wir auf dem Kreuzfahrtschiff "AIDAdiva", bei einer Reise durch die Vereinigten Arabischen Emirate. Zu diesem Anlass erneuerten wir im Rahmen einer festlichen Zeremonie mit den Schiffsoffizieren unser Eheversprechen und genossen im Anschluss ein edles 10-Gänge-Diner im Schiffsrestaurant Rossini.

Nun haben wir am 25. Januar 2025 unsere 40sten Hochzeitstag gefeiert. Im Kreis unserer Kinder und Enkelkinder konnten wir bei einem leckeren Essen einen harmonischen Abend verleben.

Unsere Wünsche? Der liebe Gott möge uns noch ein paar schöne gemeinsame Jahre bescheren.

40 Jahre -Rubinhochzeit- , das war ein schöner Abend im Kreis unserer Tochter und der Enkelkinder

Nachsatz: Zu erwähnen wäre hier, dass es für mich, außer meinen beiden Ehen, keine anderen Partnerschaften gab. Ich konnte und kann mir auch nicht vorstellen, mit einem Partner eine dauerhafte Beziehung in einer gemeinsamen Wohnung ohne Trauschein zu führen.